Es regnet Pleiten

Eine Visualisierung der 4-Prozent-Regel

Wer sich schon mal mit dem Thema Ruhestand und Entnahmestrategie beschäftigt hat, hat sie schon mal gehört.

Man kann jährlich 4 % seines zu Beginn des Ruhestands vorhandenen Portfoliovermögens – angepasst an die Inflation – entnehmen, ohne dass das Ersparte über einen Zeitraum von 30 Jahren aufgebraucht wird.

— die 4-Prozent-Regel

Die 4-Prozent-Regel wurde von William Bengen erfunden und durch die Trinity-Studie [PDF] popularisiert. Sie soll Anlegern helfen, ihren Ruhestand zu planen. Anleger, die kurz vor ihrem Ruhestand stehen, fragen sich, wie viel Geld sie sicher jedes Jahr aus ihrem Portfolio entnehmen können, ohne pleitezugehen und ohne mehr Vermögen als nötig zu hinterlassen.

1998 untersuchten die Forscher Philip L. Cooley, Carl M. Hubbard und Daniel T. Walz von der Trinity University in Texas systematisch Entnahmestrategien. Dabei untersuchten sie, welchen Einfluss Entnahmerate, Asset Allocation und Entnahmedauer auf die Pleitequote hatten.

In diesem Artikel werden wir die 4-Prozent-Regel in ihre Einzelteile zerlegen. Lassen wir einfach anfangen. Nehmen wir an, du stehst kurz vor dem Ruhestand und hast 1.000.000 $ angespart. Erstmal, herzlichen Glückwunsch! Das Geld liegt auf dem Girokonto bei der Bank. Wenn du jetzt 4 % des ursprünglichen Vermögens, also 40.000 $, am Ende jedes Jahres entnimmst, reicht das für 25 Jahre. Solange die Bank in der Zeit nicht pleitegeht, sollte das passen.

Wir rechnen im Folgenden mit US-Dollar ($), da die USA die mit Abstand längste und detaillierteste historische Datenbasis bieten (seit 1871). Lass dich davon nicht irreführen: Zwar lassen sich die konkreten Prozentzahlen aufgrund von Wechselkursen und lokaler Inflation nicht eins zu eins auf ein Euro-Portfolio übertragen, die zugrunde liegenden Mechanismen und Trends sind jedoch dieselben. Die Daten helfen uns, die Risiken im Ruhestand zu verstehen und die richtigen Schlüsse für die eigene Planung zu ziehen.

Inflation

Um deinen Lebensstandard halten zu können, musst du deine Entnahme an die Inflation anpassen. In der Vergangenheit hieß das oft, dass man die Entnahme über die Jahre erhöhen musste. Es gab aber auch Jahre mit Deflation, dann hätte man die Entnahme wieder senken können.

Wie lange reicht dein Bankguthaben dann?
Nehmen wir an, du bist im Jahr 2000 in den Ruhestand gegangen. Im Jahr 2000 betrug die Inflation 3,39 %. Du musstest also deine Entnahme am Ende des Jahres an die Inflation anpassen und entnimmst 41.356 $ statt 40.000 $. Im nächsten Jahr war die Inflation wieder positiv und die Entnahme erhöhte sich wieder. So geht das weiter.
Wir sehen, dass das Vermögen nach 19 Jahren nicht mehr ausreicht, um eine weitere Entnahme zu tätigen. Dabei enthält der Zeitraum seit 2000 Phasen mit sehr niedriger Inflation.

Bankguthaben: Konstante vs. inflationsangepasste Entnahme

Bisher haben wir betrachtet, wie lange das Geld reicht. Um die Trinity-Studie nachzuvollziehen, müssen wir aber eine etwas andere Frage beantworten: Reicht das Geld für einen gewissen Zeitraum oder nicht? Typischerweise betrachtet man hier einen 30-Jahreszeitraum.

Jemand, der heute oder in Zukunft – und nicht im Jahr 2000 – vor dem Ruhestand steht, stellt sich die Frage: "Wie lange hält das Bankguthaben für die nächsten 30 Jahre?" Das lässt sich nicht mit Gewissheit beantworten. Wir können aber in die Vergangenheit schauen und sehen, ob das Bankguthaben in der Vergangenheit für 30 Jahre gereicht hätte. Das lässt uns ein Gefühl dafür bekommen, ob es in der Zukunft für 30 Jahre reichen könnte.

Dazu betrachten wir nun jedes Jahr als potentielles Eintrittsjahr in den Ruhestand und ab dann einen 30-Jahreszeitraum. Wir schauen also jeden 30-Jahreszeitraum ab 1871 bis 1996 an. Wir starten bei 1871, da das das erste Jahr in unseren historischen Daten ist. Wir betrachten also die Zeiträume 1871 bis 1900, 1872 bis 1901 usw. bis 1996 bis 2025. Falls man Anfang der 1970er Jahre in den Ruhestand gegangen wäre, hätte das Geld nur 14 Jahre gereicht, da zu Beginn des Ruhestands einige Jahre mit hoher Inflation gab. Wäre man 1873 in den Ruhestand gegangen, hätte das Geld für 30 Jahre oder mehr gereicht.

Historische Bankguthaben-Entwicklung (30 Jahre, 4 % Entnahme, inflationsangepasst)

Jede Linie im Graphen stellt die Portfolioentwicklung eines 30-Jahreszeitraums dar. Bei den grünen Verläufen reicht das Bankguthaben für 30 Jahre und am Ende ist sogar noch etwas übrig. Bei den roten Verläufen reicht das Bankguthaben nicht für 30 Jahre.

Bei einer Entnahme von 4 %, angepasst an die Inflation, reicht das Geld in 8 % der Fälle für 30 Jahre. Die Erfolgsrate liegt also bei 8 %. Die Erfolgsrate gibt an, in wie viel Prozent der Fälle in der Vergangenheit das Geld gereicht hätte.

Erfolgsrate von Bankguthaben nach Entnahmerate (30 Jahre, inflationsangepasst)

Aus dem Graphen kann man ablesen, dass eine Entnahmerate von 1 % eine Pleite in der Vergangenheit verhinderte. Verdoppelt man die Entnahmerate auf 2 %, hat man immerhin noch eine Erfolgsrate von 60 %. Eine Entnahmerate von 4 % hat nur noch eine Erfolgsrate von 8 %.

Die Erfolgsrate von 8 % bei einer Entnahmerate von 4 % ist inakzeptabel. Du musst etwas tun, um der Inflation entgegenzuwirken.

Kapitalmarkt

Um die miserable Erfolgsrate deines Bankguthabens zu verbessern, benötigst du mehr Rendite. Deshalb legst du dein Geld am Kapitalmarkt an – genauer gesagt: in US-Aktien. Seit 1871 haben US-Aktien im Schnitt 9,1 % Rendite gebracht, und die US-Inflation lag im Schnitt bei 2,1 %. Man könnte meinen, dass es genügt, die Entnahmerate als Differenz aus Aktienrendite und Inflation zu wählen. Das entspräche einer Entnahmerate von 7 %. Aber das garantiert nicht den Erfolg und schützt nicht vor der Pleite, weil Aktienkurse und andere Kapitalanlagen Schwankungen unterliegen.

Renditereihenfolgerisiko

Das liegt daran, dass es eben nur eine durchschnittliche Rendite ist. In Wirklichkeit bringen Kapitalanlagen aber nicht jedes Jahr die gleiche Rendite. Bei einer einmaligen Anlage spielt die Reihenfolge der Renditen keine Rolle. Bei einer jährlichen Entnahme aber schon. Eine große Gefahr für deinen Ruhestand sind Kursrückgänge zu Beginn der Entnahmephase, denn dann fallen deine Entnahme besonders ins Gewicht.

Veranschaulichung des Renditereihenfolgerisikos

An einem Beispiel lässt sich das gut veranschaulichen. Wir betrachten nur zwei Jahre. Im ersten Fall gibt es einen Kursrückgang von 50 % im ersten Jahr und eine Kurssteigerung von 100 % im zweiten Jahr. Im zweiten Fall gibt es erst eine Kurssteigerung von 100 % und dann einen Kursrückgang von 50 %. Es ist also nur die Reihenfolge der Renditen vertauscht. Im Durchschnitt haben beide Fälle die gleiche Gesamtrendite über die beiden Jahre. Würden wir zu Beginn eine einmalige Anlage tätigen und nach zwei Jahren erst wieder auf das Portfolio schauen, würden wir in beiden Fällen den gleichen Betrag dort sehen. Eine jährliche Entnahme ändert das. Zu Beginn des Zwei-Jahreszeitraums legen wir exemplarisch 100 $ an. Wir entnehmen jedes Jahr 10 %, also 10 $. Im ersten Fall waren die 100 $ nach dem ersten Jahr um 50 % gefallen und nur noch 50 $ wert. Dann entnehmen wir 10 % des ursprünglichen Portfolios: 10 $. Somit sind nur noch 40 $ im Portfolio. Danach steigt das Portfolio um 100 % auf 80 $. Im zweiten Fall steigen die 100 $ um 100 % auf 200 $. Dann entnehmen wir 10 $ und es sind noch 190 $ im Portfolio. Danach fallen die Kurse um 50 % und das Portfolio steht bei 95 $. Die Reihenfolge der Renditen macht also einen Unterschied von 15 $. Das Beispiel war natürlich extrem, um den Effekt mit einfachen Zahlen darzustellen. In Wirklichkeit sind solche Schwankungen noch nie aufgetreten. Allerdings wollen wir ja nicht nur zwei Jahre von unserem Portfolio leben, sondern Jahrzehnte. Wenn es zu Beginn des Ruhestands zu einer Reihe negativer oder niedriger Renditen kommt, kann der Effekt genauso dramatisch sein. Eine hohe Inflation zu Beginn des Ruhestands verstärkt das Ganze noch, weil dann die Entnahmen höher sind als bei einer niedrigen Inflation oder bei einer Deflation.

Nehmen wir mal an, du hättest zu Beginn des Jahres 1969 eine Million Dollar in Aktien angelegt und wärst in den Ruhestand gegangen. Dann wäre dir nach 39 Jahren bei 4 % Entnahme das Geld ausgegangen. Wärst du im Jahr 1970, also nur ein Jahr später, in den Ruhestand gegangen, wäre dir das Geld bei 4 % Entnahme bis 2025 nicht ausgegangen. Ganz im Gegenteil: Das Portfolio hätte sich inflationsbereinigt mehr als verachtfacht. Das ist natürlich ein extremes Beispiel, aber es verdeutlicht, wie Schwankungen in den Aktienkursen und hohe Inflation die Ruhestandsplanung durcheinanderbringen.

Die Schwankungen am Kapitalmarkt beeinflussen stark, wie lange das Geld reicht. Auch hier können wir simulieren, wie lange das Geld in der Vergangenheit gereicht hätte, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie lange das Geld in der Zukunft reichen könnte.

Historische 100 % Aktien-Portfolio Entwicklung (30 Jahre, 4 % Entnahme inflationsangepasst)

Da Aktien ein exponentielles Wachstum aufweisen, müssen wir eine logarithmische y-Achse einführen. Die logarithmische Skala lässt exponentielles Wachstum zu geraden Linien werden. Eine Steigerung von 10.000 auf 100.000 sieht genauso groß aus wie eine Steigerung von 100 auf 1.000. Außerdem zieht die logarithmische Skala den unteren Bereich auseinander. Das ist wichtig, um die Portfolios zu erkennen, die Pleite gehen. Wie man sehen kann, gibt es ein paar Zeiträume, in denen das Geld ganz ausgeht. Das sind die Linien, die nach unten abstürzen. In den allermeisten Fällen vervielfältigt sich das Portfolio aber.

Jetzt können wir die Erfolgsrate von einem 100 %igen Aktienportfolio mit reinem Bankguthaben vergleichen.

Vergleich der Erfolgsrate von Bankguthaben und 100 % Aktien-Portfolio nach Entnahmerate (30 Jahre, inflationsangepasst)

Wir sehen, dass ein Aktieninvestment die Erfolgsrate gegenüber dem Bankguthaben für alle Entnahmeraten erhöht hat. Das Bankguthaben hat bei einem 30-Jahreszeitraum und 4 % Entnahme eine Erfolgsrate von 8 % und 100 % Aktien haben im gleichen Fall eine Erfolgsrate von 98,4 %.

Portfolio

Lässt sich durch eine andere Portfolio-Wahl die Erfolgsrate noch erhöhen? Wir haben gesehen, dass das Renditereihenfolge-Risiko ein Problem im Ruhestand ist. Um Schwankungen des Portfolios zu reduzieren, kann man den Aktienanteil reduzieren und mit Anleihen ersetzen, da Anleihen zu Aktien wenig korreliert sind und in der Regel nicht so stark schwanken. Wenn Aktien also fallen, sollten Anleihen nicht so stark fallen oder sogar steigen. Somit soll das Risiko gemindert werden, dass es zu Beginn des Ruhestands zu großen Kursverlusten kommt.

Am Ende jedes Jahres muss nun die festgelegte Verteilung von Aktien und Anleihen wieder hergestellt werden. Das heißt: Wenn in einem Jahr Aktien besser laufen als Anleihen, ist der Aktienanteil im Portfolio größer geworden. Dann werden am Ende des Jahres Aktien verkauft und Anleihen gekauft, um die gewünschte Gewichtung wieder herzustellen. Wenn in einem Jahr Anleihen besser laufen, werden am Ende des Jahres Anleihen verkauft und Aktien nachgekauft, um die Verteilung wieder herzustellen.

Die Trinity-Studie untersucht Portfolios aus US-Aktien und US-Anleihen. Zwischen 100 % Aktien und 100 % Anleihen ist alles dabei. Für jede Asset Allocation kann man nun die Erfolgsrate messen.

Vergleich der Erfolgsrate von vier Asset Allocations nach Entnahmerate (30 Jahre, inflationsangepasst)

Eine Allokation von 67 % Aktien und 33 % Anleihen hatte in der Vergangenheit eine höhere Erfolgsrate als eine Allokation von 100 % Aktien bei einer Entnahmerate zwischen 3,7 % und 4,4 %. Auch eine Allokation von 33 % Aktien und 67 % Anleihen brachte um die 3,7 % Entnahmerate eine leichte Verbesserung der Erfolgsrate. Eine Allokation von 100 % Anleihen bringt ab einer Entnahmerate von 2,4 % eine Verschlechterung, da die Rendite von Anleihen nicht ausreicht, um das Portfolio über 30 Jahre Entnahme hinweg gegen die Inflation zu tragen.

Die eigentlichen Ergebnisse der Trinity-Studie

Die 4 % Regel ist kein Naturgesetz, sondern nur ein Ausschnitt aus der Trinity-Studie. Das Paper gibt die Erfolgsrate für viele Kombinationen von Entnahmerate, Asset Allocation und Entnahmedauer tabellarisch an. Ich habe die Ergebnisse mit aktuellen Zahlen und mehr Parameterkombinationen nachgerechnet und für dich visuell aufgearbeitet.

Erfolgsrate nach Entnahmerate und Aktienquote und Entnahmedauer (Inflationsangepasst)

Man liest das Diagramm wie folgt: Auf der x-Achse ist die Entnahmerate und auf der y-Achse die Aktienquote aufgetragen. Die Farbe der entsprechenden Kombination aus Entnahmerate und Aktienquote gibt die Erfolgsrate an. Eine Erfolgsrate von 100 % ist tief grün und eine Erfolgsrate von 80 % oder weniger ist rot.

Wir sehen also: Eine erhöhte Entnahmerate führt zu einer niedrigeren Erfolgsrate, und ein leichter Anleihenanteil kann die Erfolgsrate leicht erhöhen. Wenn man den Regler für die Entnahmedauer verschiebt, sieht man, dass die Entnahmedauer einen maßgeblichen Effekt auf die Größe des grünen Bereichs hat. Je länger die Entnahmedauer ist, desto kleiner wird der grüne Bereich.

Wenn du nicht weißt, welche Entnahmerate für dich die richtige ist oder wie viel Kapital du für eine bestimmte jährliche Entnahme benötigst, kannst du den Rechner verwenden. Mit diesem kleinen Rechner kannst du die Entnahmerate, die Portfoliogröße oder die jährliche Entnahme berechnen. Aktiviere dafür den Schalter bei dem Wert, den du berechnen willst. Fülle dann die anderen beiden Felder aus, und du bekommst das Ergebnis.

Kapital · Entnahmerate · Jährliche Entnahme

Die 4-Prozent-Regel ist nur ein kleiner Ausschnitt der Trinity-Studie. Welche Entnahmerate und welche Entnahmedauer passen am besten zu deiner Ruhestandsplanung? Lass es mich wissen und schreib mir eine Mail!

Fazit

Die 4-Prozent-Regel ist eine einfache Regel, um den Ruhestand zu planen. Dabei geht die Regel nicht auf die individuellen Bedürfnisse von Ruheständlern ein. Sowohl die Entnahmedauer als auch die Aktienquote sind für jeden Anleger unterschiedlich. Die Trinity Studie bietet auch für die Anlegerinnen eine sichere Entnahmerate, die nicht 30 Jahre von einem 70/30 Portfolio leben wollen. Sie hilft Anlegern zu entscheiden, wie viel Geld sie ansparen müssen, um ihre Kosten zu decken, oder welchen Lifestyle sie sich im Ruhestandleisten können. Nicht zu vergessen, die Trinity-Studie schaut immer nur in die Vergangenheit. Welche Entnahmerate in Zukunft sicher ist, weiß niemand.

Was nicht berücksichtigt wurde

Die originale Trinity-Studie hat die reinen Indexwerte betrachtet, die keinerlei Kosten enthalten. In diesem Artikel sind wir schon einen Schritt weiter gegangen und haben zumindest die laufenden Kosten von ETFs berücksichtigt. Dennoch haben wir Handelskosten, die jedes Jahr bei der Entnahme und beim Rebalancing anfallen, nicht miteinbezogen. Des Weiteren haben wir sämtliche steuerlichen Aspekte außen vorgelassen. Das größte Manko der Trinity-Studie für deutsche, europäische oder allgemein nicht-US-Investoren ist, dass nur US-Aktien und US-Anleihen betrachtet werden. Aus europäischer Sicht fehlt bei einem reinen US-Investment ein erheblicher Teil der Welt. Wer weltweit breit gestreut in ETFs investiert, kann nicht ausschließlich in den USA investiert sein. Dazu braucht es eine Studie, wie die Trinity-Studie, mit einem internationalen Portfolio.

Des Weiteren gibt es in Deutschland eine staatliche Rente. Man kann vortrefflich über das deutsche Rentensystem streiten, aber fest steht auch, dass man sie in der Ruhestandsplanung mit einbeziehen sollte. Falls man das nicht tut, wählt man eine zu konservative Entnahmerate. Die staatliche Rente hat nämlich zwei Vorteile gegenüber einer Entnahme aus dem Portfolio. Erstens wird die Rente bis zum Tod gezahlt. Im Gegensatz dazu kann man keine Entnahmen mehr tätigen, wenn das Portfolio leer ist, weil man länger lebt als gedacht. Zweitens hängt die Höhe der Rente – die neue Aktienrente mal ausgenommen – nicht mit dem Kapitalmarkt zusammen. Die Rente bietet also einen fixen Sockel, den wir in die Simulation mit einbeziehen sollten.

Meine kommenden Artikel werden sich mit den oben genannten Einschränkungen der Trinity-Studie befassen und eine Entnahmerate für deutsche Anleger und Anlegerinnen entwickeln.

Anhang

Daten

Als Datenquelle haben die Autoren der Trinity-Studie die rohen Indexwerte genommen. Dort sind steuerliche Effekte und laufende Anlagekosten nicht enthalten. Viele legen ihr Geld heute kostengünstig in ETFs an, die diese Indizes abbilden. Die Bogleheads-Community hat die jährlichen Kurse für viele Vanguard-ETFs, Fonds und Inflation in einem übersichtlichen Spreadsheet zusammengetragen und in die Vergangenheit zurückgerechnet. Diese Kurse bilden die Grundlage für meine Simulation. Der Aktienanteil im Portfolio wird durch den Vanguard-ETF mit dem Ticker VTSAX und der Anleiheteil mit dem Ticker VBTLX repräsentiert.

Simulation

Um den Wertverlauf eines Portfolios bei einer gewissen Entnahmerate ab einem gewissen Jahr für eine gewisse Allokation zu berechnen, werden folgende Schritte durchgeführt.

Für jedes Jahr im betrachteten Zeitraum wird erst die Wertentwicklung des Portfolios berechnet. Danach wird ein Rebalancing durchgeführt. Anschließend wird die an die Inflation angepasste Entnahmerate entnommen. Das wird so lange wiederholt, bis das Portfolio zu klein für eine weitere Entnahme ist oder das Ende des betrachteten Zeitraums erreicht ist.